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Zermürbung

Bald bricht das letzte Drittel an. Und langsam wird es anstrengend. Gerade vorgestern war meine Laune so unglaublich tief im Keller, dass ich fast zu weinen angefangen hätte, als ihr Gesicht nach fast 48 Stunden Abstinenz auf dem Bildschirm auftauchte.
Es ist ja auch nicht so, dass das hier ein Spaziergang im Park ist. Im Gegenteil. An allen Ecken lauert der Irrsinn. Als ich neulich nicht einschlafen konnte, konnte ich verfolgen, wie mein Mitbewohner ins Zimmer kommt, wenn er versucht, leise zu sein: Die Tür geht ganz langsam und vorsichtig zu. Bis zu dem Punkt, an dem sich das Schloss befindet. Da geht es dann plötzlich schnell. Als ich mich Anfang der Woche zu oft aus dem geschützten Bereich der Bibliothek begab, konnte ich gleich zwei Eltern beobachten, die ihre Kinder schlagen oder treten. Als ich am Montag Klavier üben war (ich bin fast wieder mit dem ersten Satz der Mondscheinsonate durch, das hat wirklich gedauert...), kam ein Exzentriker in den Raum, der offenbar Unterhaltung brauchte, spielte mir ein Jazz-Version davon und obskure russische Komponisten vor, erzählte mir, dass Improvisation Selbstausdruck sei, wie bei Freud, und dass Jesus gestorben sei, weil er den Selbstausdruck durchgezogen hätte. Nach 10 Minuten ging er wieder. Am nächsten Tag war er in der Lobby des Gebäudes, wo er wirr auf mich einredete ("What happened to your face? My face is so ugly!"), auf mein "What?" noch mehr Wirres von sich gab und dann im Raum herumlief. Da bin ich gegangen. Ich habe mich die nächsten Minuten öfters mal umgedreht, ob er mir nicht folgt. Dann kam mein Mitbewohner noch auf die glorreiche Idee, Bräute aus Discos abschleppen zu müssen und mich zu fragen, ob er sie im Falle des Falles mit hierher bringen könne. Zur Information: Wir teilen uns ein Schlafzimmer. Um ganz sicher zu gehen, dass ich mir sicher bin, hat er heute noch Mal gefragt, und weil ich noch am überlegen war, ob er das ernst meint, kam er mir glücklicherweise mit "That's a no, right?" zuvor.
Auf der intellektuellen Seite des Lebens absorbiere ich derzeit alle möglichen Fragmente der chinesischen Geistesgeschichte. Möglicherweise fügen sie sich ja zu einem Bild zusammen. Wo sich in jedem Fall ein Bild zusammenpuzzlet, ist bei meiner geplanten Abschlussarbeit. Ich muss das noch mal mit dem Professor bereden, weil der immer gut abschätzen kann, wie viel man sich vornehmen sollte, aber ich habe immerhin schon ein paar Ausgangspunkte. Im Gegensatz zum letzten Mal. Das kann man als Fortschritt werten.
Ein Fragment zieht mich derzeit besonders an: Zen. Es ist nicht mal nur diese erschreckend postmoderne Attitüde in den über tausend Jahre alten Texten ("Meister, warum sagt Ihr, dass der eigene Geist der Buddha ist?" - "Damit das kleine Kind mit dem Weinen aufhört!" 景德傳燈錄卷第六. Der ganze Esprit und die angedeutete Erleuchtungserfahrung sind so nachvollziehbar. Dazu kommt noch, dass ich vor zwei Wochen bei einem meiner seltenen Ausflüge in ein buddhistisches Kloster mitgenommen wurde und das Essen gut war. Als ich davon meiner Freundin erzählte, kam die Antwort, mit der ich in ihrer Unerwartetheit eigentlich hätte rechnen müssen. Dass sie der Gedanke auch schon gereizt hätte. Allerdings haben wir uns ja inzwischen einem Lotterleben im Staub der Welt hingegeben. Mit ganzem Herzen. Naja.
Es ist etwas kühler geworden, kaum noch 20°, und vielleicht weil ich mich dann doch irgendwann halbswegs an die Affenhitze gewöhnte habe, kommt mir das jetzt kalt vor und ich sitze gut eingepackt im Zimmer.
Hoffentlich ist der Dezember bald vorbei. Und der größte Teil das Januars auch. Ich will zurück zu meiner Freundin...
4.12.13 15:10
 


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